ÖIF-Integrationsbarometer oder ÖVP-Stimmungsbarometer? 

Der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) hat mit dem Integrationsbarometer 2025 eine neue Befragung zur Integration in Österreich veröffentlicht. Die Ergebnisse wurden von Studienleiter Peter Hajek und Integrationsministerin Claudia Plakolm (ÖVP) präsentiert und prägen seither die öffentliche Berichterstattung. Vor diesem Hintergrund sieht sich die Neue Österreichische Organisation veranlasst, zur Methodik und Ergebnisdarstellung des ÖIF-Integrationsbarometers Stellung zu nehmen. Vorgehensweise, Format, Fragestellung sowie die Auswahl der Befragten werfen aus Sicht der Organisation mehrere grundlegende Fragen auf, die im Folgenden im Detail dargelegt werden.

Abschließend nimmt die Neue Österreichische Organisation den Internationalen Tag der Migrant:innen zum Anlass, all jenen zu gratulieren, deren Perspektiven in der heutigen Präsentation gefehlt haben. Wir danken allen Migrant:innen für ihren Beitrag zur Gesellschaft, zur Wirtschaft und zum sozialen Zusammenhalt in Österreich (!).

Kritikpunkt: Fragwürdige Zusammensetzung der Befragten

Das Integrationsbarometer basiert auf einer Befragung von 1.000 Personen, durchgeführt von Peter Hajek Public Opinion Strategies im Auftrag des ÖIF. Befragt wurden ausschließlich österreichische Staatsbürger:innen ab 16 Jahren. Nicht ausgewiesen wird jedoch, wie viele der Befragten selbst einen Migrationshintergrund haben. Ebenso wird nicht erhoben, ob und in welchem Ausmaß persönlicher Kontakt mit Migrant:innen besteht. Damit bleibt offen, ob die abgegebenen Bewertungen auf eigenen Erfahrungen beruhen oder primär durch politische Narrative und mediale Berichterstattung geprägt sind.

Kritikpunkt: Meinungen ohne Erfahrungsgrundlage

Das Integrationsbarometer erhebt Einstellungen zur Integration und zum Zusammenleben, fragt jedoch nicht nach konkreten Alltagserfahrungen der Befragten. Ob und in welchem Ausmaß persönlicher Kontakt mit Migrant:innen besteht – etwa am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Schule oder im privaten Umfeld – wird nicht erhoben. Dabei liegen aus einer anderen staatlichen Publikation, dem Statistischen Jahrbuch Migration & Integration 2025 (erstellt von Statistik Austria), klare und relevante Erkenntnisse vor: Negative Bewertungen treten dort auf, wo persönliche Begegnung fehlt. Dieser empirisch belegte Zusammenhang zwischen Kontakt und Bewertung wird im Integrationsbarometer vollständig ausgeblendet. Da das Barometer gleichzeitig einen hohen Anteil negativer Einschätzungen ausweist, ohne die Kontaktvariable zu berücksichtigen, bleibt offen, ob diese Bewertungen auf eigenen Erfahrungen beruhen oder überwiegend aus Distanz, politischer Rahmung und medialer Berichterstattung entstehen. Vor diesem Hintergrund liegt zumindest die Schlussfolgerung nahe, dass ein erheblicher Teil der negativen Bewertungen von Personen stammt, die kaum oder keinen persönlichen Kontakt mit Migrant:innen haben – eine Annahme, die ohne entsprechende Erhebung weder bestätigt noch widerlegt werden kann.

Kritikpunkt: Selektive Hervorhebung negativer Ergebnisse

In den als „Kernergebnisse“ präsentierten Befunden überwiegen negativ konnotierte Aussagen zu Integration, Sicherheit und gesellschaftlichem Zusammenleben. Positive oder differenzierende Ergebnisse werden deutlich weniger hervorgehoben. Die Auswahl der Kernergebnisse erzeugt damit ein einseitig problemorientiertes Gesamtbild, obwohl die Studie selbst ambivalente Befunde enthält.

Kritikpunkt: Medienlogik und öffentliche Wirkung

Die selektive Aufbereitung der Ergebnisse begünstigt eine problemorientierte mediale Berichterstattung. Dies zeigt sich in Schlagzeilen wie „Massive Mehrheit sieht Leben mit Muslimen kritisch“ (Kronen Zeitung), „Bevölkerung laut Umfrage weiter kritisch“ (ORF) oder „64 Prozent der befragten Österreicher bewerten Zusammenleben mit Zuwanderern negativ“ (Der Standard). Diese Wirkung entsteht nicht durch falsche Zahlen, sondern durch Gewichtung und Platzierung der Ergebnisse durch den Herausgeber.

Kritikpunkt: Politische Anschlussfähigkeit an die ÖVP-Integrationspolitik

Die hervorgehobenen Kernergebnisse decken sich inhaltlich weitgehend mit zentralen Elementen der aktuellen ÖVP-Integrationspolitik, etwa dem Fokus auf Pflichten, Sanktionen, Anpassung und restriktive Maßnahmen. Diese inhaltliche Nähe ist nicht per se illegitim, wirft jedoch die Frage auf, ob die Ergebnisdarstellung ergebnisoffen erfolgt oder politische Narrative strukturell begünstigt.

Kritikpunkt: Paradoxe Ergebnisse bleiben unerklärt

Laut Integrationsbarometer bewerten 70 % der Befragten das Funktionieren der Integration als eher oder sehr schlecht. Gleichzeitig sind ebenfalls 70 % der Meinung, dass es in Österreich ausreichende Integrationsangebote gibt – ein Wert, der gegenüber der letzten Erhebung deutlich gestiegen ist. Dieses Spannungsverhältnis wird im Bericht weder analysiert noch erklärt. Die Studie stellt die Zahlen nebeneinander, ohne deren Widerspruch aufzulösen oder daraus institutionelle Fragen abzuleiten.

Kritikpunkt: Verantwortung wird einseitig zugewiesen

61 % der Befragten sehen die Hauptverantwortung für das Gelingen von Integration bei den Zuwander:innen, nur 39 % bei der einheimischen Bevölkerung. Diese Sichtweise wird im Integrationsbarometer wiedergegeben, jedoch nicht kritisch eingeordnet. Die Rolle staatlicher Institutionen, struktureller Rahmenbedingungen oder gesellschaftlicher Barrieren bleibt weitgehend ausgeblendet.

Kritikpunkt: Diskriminierung als Integrationshindernis wird praktisch nicht behandelt

Die Begriffe „Rassismus“ und „Diskriminierung“ kommen im gesamten Integrationsbarometer genau einmal vor – und zwar ausschließlich im Rahmen einer abstrakten Zustimmungsfrage zu staatlichen Maßnahmen. Erlebte Diskriminierung, strukturelle Benachteiligung oder institutionelle Hürden werden nicht erhoben. Damit fehlt ein zentraler Faktor, der in der Integrationsforschung als wesentliches Integrationshindernis gilt.

Kritikpunkt: Perspektive der Betroffenen fehlt vollständig

Obwohl das Integrationsbarometer Aussagen über das „Zusammenleben“ trifft, werden Migrant:innen selbst nicht befragt. Ihre Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bewertungen kommen in dieser Publikation nicht vor. Integration wird damit ausschließlich aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft beurteilt und nicht als wechselseitiger Prozess dargestellt.

Kritikpunkt: Präsentation am Internationalen Tag der Migrant:innen

Das ÖIF-Integrationsbarometer wurde ausgerechnet am Internationalen Tag der Migrant:innen präsentiert – einem Tag, der international dazu dient, auf die Rechte, Leistungen und Lebensrealitäten von Migrant:innen aufmerksam zu machen. Die Veröffentlichung einer Studie, die überwiegend problemorientierte und negative Bewertungen in den Vordergrund stellt, steht in einem deutlichen Spannungsverhältnis zur ursprünglichen Bedeutung dieses Tages.

Kritikpunkt: Fehlende Selbstreflexion des Herausgebers

Trotz der Tatsache, dass 70 % der Befragten Integration als gescheitert wahrnehmen, stellt das Integrationsbarometer keine Fragen zur eigenen Rolle des ÖIF als zentraler staatlicher Integrationsinstitution. Es gibt keine Analyse, was diese Werte über die Wirksamkeit bestehender Integrationspolitik und -programme aussagen. Integration wird gemessen, institutionelle Verantwortung jedoch nicht thematisiert.

Kritikpunkt: Fragwürdiges Verhältnis des ÖIF zu seinen eigenen Kund:innen

Der gewählte Zeitpunkt der Veröffentlichung macht zudem das fragwürdige Verhältnis des Österreichischen Integrationsfonds zu seinen eigenen Kund:innen sichtbar. Migrant:innen, für die der ÖIF arbeitet und die diese Institution über ihre Steuerleistungen mitfinanzieren, kommen im Integrationsbarometer selbst nicht zu Wort. Statt ihre Perspektiven, Erfahrungen und Leistungen sichtbar zu machen, werden ausgerechnet an einem internationalen Gedenktag überwiegend negative Bewertungen über sie kommuniziert. Dieses Vorgehen wirft grundlegende Fragen zum Selbstverständnis des ÖIF und zu seinem Verhältnis zur eigenen Zielgruppe auf.


Abschließend nimmt die Neue Österreichische Organisation den Internationalen Tag der Migrant:innen zum Anlass, all jenen zu gratulieren, deren Perspektiven in der heutigen Präsentation gefehlt haben. Wir danken allen Migrant:innen für ihren Beitrag zur Gesellschaft, zur Wirtschaft und zum sozialen Zusammenhalt in Österreich!

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